Tätowierte Menschen Bulgariens: Elly und Joro “Die meisten Chefs sind immer noch total voreingenommen!”

1.Hallo, Elly und Joro! Seid ihr so nett und stellt euch mal gegenseitig vor?

J.: Elly ist die coole Braut, die neben mir sitzt und mit der ich mein Leben teile. Sie ist mein Glück.

Е.: Joro ist mein Partner, im Moment und hoffentlich für immer, weil ich es müde bin, immer wieder nach dem passenden Partner zu suchen. Das ist aber ein anderes Thema. J Ich glaube, dass wir einander komplett machen. Wir denken ähnlich, mögen dieselbe Musik, dieselben Filme, haben echt oft die gleichen Interessen.

Elly_Joro

  1. Wer von euch hat weniger Tattoos?

J.: Elly. Meine sind in größer, da ich mehr Haut hab‘. Wobei man ja für Tattoos eh nie genug Stellen hat.

Е.: Klar, dass ich weniger habe, weil Joro größer ist. (Lacht). Ich habe auch relativ spät angefangen. Das ist zwar jetzt nicht ganz so entscheidend, aber ich hatte auch weniger Zeit für Tätowieren lassen. Ich war 25, als ich mir mein erstes Tattoo stechen ließ. An dem Tattoo häng ich auch total. Aber alle meine Tattoos sind nach irgendwelchen Erlebnissen gestochen worden. Sie markieren immer einen Übergang zu mir selbst.

Elly_Joro_1

  1. Wie weiß man denn, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, sich stechen zu lassen? Dass man es wirklich jetzt will und nicht später?

J.: Naja, das kannst Du nie genau wissen. Wann ist der richtige Zeitpunkt für das richtige Tattoo? Oh, Gott, wenn ich so was schon höre. Ein bulgarisches Sprichwort sagt: „Es ist nie zu spät, ein Reinfall zu werden.“ Ich habe mir immer gewünscht, dass mal mein ganzer Körper tätowiert ist. Und der Tag kommt zu 100 Prozent, wo das so ist.

Е.: Ja, ich finde, so was wie „zu früh“ oder „zu spät“ existiert für ein Tattoo gar nicht. Das einzige ist das Gesetzliche. Ob man volljährig sein muss oder die Erlaubnis von den Eltern braucht. Man kann sich mit sechzehn genauso wie mit sechzig stechen lassen. Wichtig ist einfach nur, dass man weiß, was man will und dass dein Tattoo für dich persönlich wirklich was bedeutet. Sich stechen lassen nur weil es einfach in ist, das finde ich blöd. Blöd finde ich auch die Mädchen, die sich den Namen ihres Freundes tätowieren lassen oder Gebete auf Latein (facepalm).

Die Frage der Volljährigkeit oder das mit der Erlaubnis der Eltern finde ich auch wichtig. Ich finde es auch besser, dass man erst ein bestimmtes Alter haben muss. Stell dir mal vor, da laufen sonst Zwölfährige rum, die überall Tattoos von den Superheroes ihrer Lieblingsmovies tragen. (Lacht). Das wäre echt krass!

Elly

  1. Betrachtet man euch da als Exoten, weil ihr tätowiert seid?

J.: Keine Ahnung. Mir ist die Meinung der anderen nicht so wichtig. Jeder von uns ist auf seine ganz eigene Art und Weise bizarr. Vielleicht sind die „normalen Menschen“ sogar noch bizarrer als wir. 😉

E.: Haha, wenn wir in einer kleineren Stadt leben würden, dann würden bestimmt viele Denken „Was sind das für welche?“. Aber auch hier [Anm. in Sofia, Hauptstadt Bulgariens] gibt es genug Leute, die echt beschränkt sind und keine gute Meinung von Tätowierten haben. Ich höre ganz oft: „Hej, wart mal, Du hast da Dreck.“ Aber das ist meine Haut, mein Körper und nur ich entscheide, was ich damit mache.

  1. Jetzt bitte, könnte mal jeder von euch über zwei seiner Tattoos erzählen? Wann, wo, warum, wieso dieses Design und so?

J.: Alle meine Tattoos stehen für irgendwelche Lebensumbrüche. Aufstieg oder Fall. Ich werde von dem ganz Großen erzählen, das ich auf meinen Rücken habe. Es hat mir 2400 Kilometer gekostet. Der Typ [Anm. der Tätowierer] arbeitete nicht in Sofia, deswegen musste ich vier Mal dorthin fahren, bis er mit dem ganzen Rücken fertig war. Das Tattoo symbolisiert die Verachtung des Todes. Daher die Knochen. Es ist eine Anspielung darauf, dass die Motorradfahrer auf Bulgariens Straßen jeden Tag russisch Roulette spielen.

Das nächste Tattoosind die Namen von meiner Ex-Frau und unseren beiden Töchtern. Die zwei Einzelgänger, die Wölfe auf den beiden Seiten, stehen für mein inneres Ich. Die habe ich zusammenstechen lassen während einer Zeit in meinem Leben, in der mir alles fremd war, alles war so weit weg von mir. Die Sterne symbolisieren für mich den Neuanfang, das war auch der wirklich bedeutende Moment in meinem Leben.

Joro_Ruecken Joro_Brust

E.: Das ist mein erstes Tattoo, ich hab‘ es am 27. Dezember 2012 stechen lassen. Ich erinnere mich sehr gut an das Datum. Da steht „Mami“. So habe ich meine liebe Oma genannt. Die Druckschrift ist einzigartig. Die findest Du nicht im Internet. Ich habe die auf Omas Kochrezept für Mekitsi [Anm. eine bulgarische Süßware aus Teig] gefunden. Die Schrift, also das Tattoo, ist für mich sehr wertvoll. Vielleicht kling es ein bisschen unvernünftig bei einem Tattoo, aber jedes Mal wenn ich es ansehe, denke ich an Mami. Als ob sie neben mir wäre.  Im Prinzip war diese Stelle für den Namen meines ersten Kindes reserviert, aber das kommt eh nicht so schnell. Deswegen steht jetzt Mami an dieser Stelle. Aber keine Sorge wegen dem Kind. Meine andere Hand ist immer noch frei. 😉

Das zweite Tattoo habe ich auch sehr gerne. Ich hab‘ es seit dem 25. Juni 2014. Es ist ein Wolf. Die Pfote von ihm ist versteckt. Damals hatte ich meinen Job gewechselt, hatte gerade Joro getroffen. Wir fuhren gemeinsam nach Irland zu einer Hochzeit. Kurz gesagt, damals ist echt viel passiert. Und weil Joro ein Medaillon mit einem Wolf um den Hals trägt, habe ich mir gedacht, warum nicht auch einen Wolf? Joro hat sich auch zwei Wölfen tätowieren lassen. Ich gebe es zu, mein Tattoo hat was mit dem von Joro zu tun. 😉

Joro hat sich auch Sterne stechen lassen, nachdem wir uns getroffen haben.  Bei diesem Tattoo hat auch die Tochter von Joro mitgeholfen. Im Moment ist sie dabei, Tätowieren zu lernen. Der Wolf ist aber nicht mein erstes Tattoo, bei dem sie mitgemacht hat. Es gibt noch andere. J

Elly_Mami

  1. Was magst Du lieber, schwarz-weiße oder farbige Tattoos?

J.: Ich halte an den alten Traditionen fest: Indio, Maori und so weiter. Das sind nämlich Traditionen, die vor Jahrhunderten entstanden sind. Meiner Meinung nach muss ein Tattoo den Duft der Vergangenheit tragen, damit wir nicht vergessen, woher wir herkommen und verstehen, wohin wir gehen.

Е.: Das ist mir egal. Für mich ist es wichtig, dass die Idee schön aussieht. Die meisten von meinen Tattoos sind farbig. Da nehme ich doch mal an, dass mir farbige Tattoos lieber sind.

  1. Sprechen wir von den Schädeln, die ja eine ganz vielfältige Symbolik haben. Was bedeuten Schädel für dich?

J.: Sie sind ganz stark mit den Schamanen- und Tribal-Ritualen und Traditionen verbunden. Für mich sind Schädel Symbole für die Verachtung des Todes. Dabei müssen wir alle sterben. Unvermeidliches Fakt.

Е.: Ich habe einen Schädel, der in einem vierblättrigen Kleeblatt ist. Das Kleeblatt sollte auf mein rechtes Bein tätowiert werden, direkt unter dem Marienkäfer. Ich war dabei, mir verschiedene Vierklee-Designs anzusehen und dabei habe ich das gefunden. Mein Tätowierer, Anatoli, war begeistert: „Elly, super. Komm, das machen wir. Dann hast Du auch mal ein normales Tattoo! Genug mit diesen Sternen!“ Ich habe nämlich Anatoli mit meinen ewigen Sternen auf die Palme getrieben. Und meine Schädelmanie kommt wieder von Joro. Aber es stimmt wirklich. Die Schädel sind absolut gute Symbole für Tätowierungen. 😉

Elly_Marienkäfer Elly_Vierklee

  1. Was ist das verrückteste Tattoo, das Du je gesehen hast?

J.: Das verrückteste habe ich während meines Militärdiensts gesehen. Irgendso ein Typ hat gesagt, dass er unbedingt ein Tattoo und ein Schulterstück nach Hause bringen soll. Hat er gemacht. Ich hab’s ihm tätowiert. Hab ihm auf seinen Rücken die ekelerregendste Meerjungfrau gestochen, die’s gibt. Die war sogar hässlicher als die Gorgo. Der Typ hat sie bis zum Ende nicht gesehen. Ich glaub, der hätte mich das sonst nie fertig machen lassen.

Aber ich erzähle mal von einem weiteren Tattoo. Ein Mitglied von meiner Ex-Motogang, von dem der Intelligenzkoeffizient gegen Null ging, bestand auf ein Tattoo zwischen dem Handgelenk und dem Ellenbogen. Er wollte sich den Namen von irgendeiner Frau stechen lassen. Wir konnten ihn nicht überzeugen, dass das eine absolut lächerliche Idee ist. Naja, dann hat er halt dieses Tattoo verpasst gekriegt. Nach einer Woche kam er und hat sich ein Touch-up stechen lassen. Und so kam’s, dass der Name von dieser Frau mit einer fetten Swastika Hakenkreuz übertüncht war. Da waren alle in den Motorklubs echt geschockt, am meisten die Ausländer. Die haben den Typen auch gefragt, warum er sich sowas tätowieren lässt. Der Typ hatte keine Ahnung: „Hab‘ ich in einem super Movie gesehen. Ist doch echt geil.“

Е.: Das verrückteste Tatoo? Das ist eine schwere Frage. Ich habe da echt viel Verrücktes gesehen! Mein Tätowierer Anatoli hat mal eines gestochen, das war echt irre. In einem Sommer hat er in einem Studio in Slantschew Brjag (Ferienort am Schwarzen Meer) gearbeitet. Da sind diese drei total besoffenen Holländer gekommen. Die haben sich die Karte von Bulgarien auf ihre beiden Pobacken stechen lassen. 2012, als das Jahr, auch noch dazu. Die waren auf Alkoholtourismus. Schade, dass ich die Gesichter von denen nicht gesehen habe, als die wieder nüchtern waren.

  1. Es braucht ja doch einiges an Vertrauen, wenn man sich von jemandem tätowieren lässt? Hast Du einen Tätowierer oder wechselst Du?

J.: Beim ersten Mal habe ich bei allen möglichen Tätowierern vorbeigeschaut. Wie machst Du das? Wie lange schon? Am Ende bin ich trotzdem an einen totalen Anfänger geraten. Danach habe ich einige andere Studios ausprobiert, bis ich auf der Straße zufällig den Tattoo-Artist kennengelernt habe. Bestimmt schon zehn Jahre her. Den habe ich seit dem. Mich bringt keiner mehr zu einem anderen. J

Е.: Ich bin ein einziges Mal zu einem anderen gegangen. Der war ein Freund von meinem Anatoli (Tätowierer). Der hatte eine Idee und wollte nicht, dass Anatoli das macht. Dieser Kerl war echt ein guter Zeichner. Nur blöd, dass er irgendwie eine andere Technik hatte. Blöd gelaufen.

  1. Angenommen, Du wachst morgen auf und hast dich in einen Tätowierer verwandelt. Was würdest Du zuerst mit der Tätowier-Maschine zeichnen? Und aufwem?

J.: Elly. Ich würde auf Elly zeichnen. Auf den Po eine Skizze von meiner Hand oder meinen Lippen. J

Е.: Witzige Frage! (Lacht) Ich würde meine Mutter tätowieren. Dann könnte sie nicht mehr sagen, dass Tattoos so hässlich sind. Und was würde sie zeichnen? – Hmm, sie würde bestimmt irgendeine Blume nehmen. Die Mutter von meinem Vater würde ich auch stechen. Ich stelle mir vor, dass ich ihr Sleeves zeichne. Da ich sie eigentlich nicht wirklich mag, mach ich dann weiter, rasiere ihr den Kopf und zeichne ihr einen Skalp drauf. Und zum Schluss steche ich ihr Ohrringe, so richtig riesengroße Fleischtunnel.

Elly_Joro_2

  1. Old but gold: Wo tut es denn besonders weh? Wo nicht? Wo lohnen sich die Schmerzen gar nicht?

J.: Mir hat das Stechen auf der Brust wehgetan, besonders um die Brustwarze rum.  Ich habe eine Flasche Wodka runtergeschüttet, um das zu überstehen. Das Unterbauch-Tattoo hat auch wehgetan. Da hat eine halbe Flasche Wodka gerreicht. Und an den Händen habe ich gar nichts gespürt.

Joro_Unterbauch Joro_Arm

Е.: Anatoli sagt immer, dass ich ein Alien binEs kann noch so wehtun. Ich nehme keinen Schluck von seinem Lidocaine. Ich hatte totale Schmerzen, als man mir die Pfote gestochen hat, die ich auf der rechten Pobacke habe. Ins Fett stechen tut immer weh. (Lacht). Eigentlich dachte ich, dass der Stern auf meinen Hals total wehtun wird. Dort sind ja nur Knochen und überall Nerven. War dann aber alles so easy, dass ich beim Tätowieren eingeschlafen bin.

  1. Woran denkt ihr während ihr Euch Stechen lasst? Könnt ihr überhaupt noch denken?

J.: Ich denke nur noch, wann ist es endlich zu Ende. 😀  Nein, das stimmt nicht. Die Zeit geht schneller vorbei, wenn man Scherze macht. Das ist praktisch, weil es dann einem vorkommt, dass das Tattoo auch ganz schnell fertig ist. Die Tattoos sind ja oft auch schneller als erwartet gestochen.

Е.: An was denke ich? Das kommt drauf an. In den meisten Fällen unterhält man sich ja mit dem Tätowierer. Oft geht man ja auch mit einem Freund hin. Also spricht man mit dem und man ist viel zu abgelenkt, um groß nachzudenken. Man zerbricht sich eher vorher den Kopf. Was will man sich stechen lassen. Wo? Welche Farben? Der Tattoo-Artist hat da meistens gute Tipps, zeigt einem alles Mögliche. Das hilft schon. Und wie ich schon gesagt habe, bin ich mal beim Tätowieren eingeschlafen.

Elly_Sterne

  1. Machen die Tattoos Probleme, wenn man einen Job sucht? Sind die Chefs immer noch konservativ?

J.: Leider ja, die meisten sind immer noch total voreingenommen, total von gestern. In Bulgarien hält man Leute mit Tattoos immer noch für Leute, die gesessen haben. Ich bin selbst Arbeitsgeber und Tattoos sind natürlich kein Problem für mich. Aber ich habe schon öfters negative Einstellungen gegenüber tätowierten Männern und Frauen erlebt. Habt ihr gewusst, dass beim Blutspenden die Leute mit Tattoos durchgecheckt werden? Ob sie Hepatitis oder Aids haben. Ich hoffe echt, dass sich diese Vorurteile bald mal ändern.

Е.: Ich meine ja. Ich lasse mich nur noch an unauffälligen Stellen tätowieren. Ich schwöre aber, wenn ich mal 50 bin, lasse ich mir coole Sleeves und Fleischtunnel stechen. Wie ich in Irland war, habe ich mitbekommen, dass die Leute da überhaupt keine solchen Skrupel haben. Da gab’s einige mit Tattoos am Hals, an den Ohren und sogar im Gesicht. Also da tragen die Leute an ganz auffälligen Stellen Tattoos. Da stört sich keiner dran. Weder in der Arbeit noch im Privatleben. Da muss man auch nicht gucken, dass der Pulliärmel das Tattoo abdeckt.

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